15. Feb 2012
Dokumentarfilmen tönt sehr abenteuerlich. Und mein Ziel ist es ja auch, auf Expeditionsreisen abenteuerliche Geschichten einzufangen. Doch das Abenteuer muss noch warten. Denn der Weg zum Wissen, wie man Abenteuer filmisch richtig einfängt, steht momentan im totalen Gegensatz zu meinem gewohnten Leben, das draussen in der Natur stattfindet.
Ich übe mich also in zwei Dingen: Als erstes in der Zufriedenheit, mich auch an einem Ort einigermassen wohl fühlen zu lernen, der mir so gar nicht entspricht. Und wenn mich die Bergsehnsucht ganz und gar am Kragen packt, dann stelle ich mir Nelson Mandela vor, wie er über 20 Jahre unschuldig im Gefängnis sass…
Als zweites widme ich mich dem Hauptzweck: Dem Dokumentarfilmen. Die letzten zwei Wochen waren unglaublich intensiv. Ich hatte einen so genannten Personal Voice Film zu drehen. Im Personal Voice Film (Personal: persönlich, Voice: Stimme) entpuppt sich der erste Teil als einfach: Das Recherchieren.
Normalerweise ist die Recherche eine zähe Knochenarbeit. Da man aber im Personal Voice Film der oder die Hauptdarstellerin ist, erübrigt sich das. Doch nachdem ich tagelang hinter meinem Manuskript gesessen und dieses ins Englische übersetzt hatte, hatte Wendy (die Instruktorin, die mich immer wieder ins „kalte Meer wirft“ und zuruft: Schwimm!) überall etwas auszusetzen und so fing ich halt nochmals von vorne an. Und nochmals. Und nochmals. Und nochmals! Natürlich war ich wütend auf Wendy! Ich war übermüdet mit roten Augenrändern, hatte seit zwei Wochen keinen Tag mehr frei gehabt, keinen Tag, an dem ich in die Natur raus gehen und meinen Körper, meinen Geist und mein Gehirn mit einem ausgedehnten Lauftraining hätte lüften können. Aber die Wut nützt nichts! Wendy hat Recht! Da ich in den letzten zehn Jahren „nur“ fotografiert und Bücher geschrieben hatte, hat sich mein Gehirn an die Statik der Fotografie und die Vorstellungskraft des Geschriebenen gewöhnt. Was ich also lernen muss, ist die Vorstellungskraft eines dynamischen Bildes mit einer Geschichte zu verbinden.
Zudem eignet sich Los Angeles für Naturgeschichten so gut wie gar nicht. Und so liess sich mein erstes Filmprojekt nicht ganz so einfach umsetzen. Mein Film erzählt die Geschichte eines 15 Jährigen Mädchens, ein Kind der Natur, das sich am liebsten im Wald aufhält, Bäche erforscht, Baumhütten baut und Höhlen erkundet. In den 1980er Jahren ist die Berufswahl für ein Mädchen dieses Charakters schwierig, denn die Gesellschaftsform ist noch stark von einem herkömmlichen Bild geprägt. Der Film beschreibt, wie sich das Mädchen von diesen Fesseln lösen und sich ein Leben aufbauen kann, das ihm als erwachsener Mensch ermöglicht, die Liebe zur Natur und seine Persönlichkeit zu verbinden und leben zu können.
Ich hatte zwei Tage Zeit, um den Film zu drehen. Und am zweiten Tag regnete es so stark, dass sich selbst die wenigen Naturbilder hinter einem grässlichen Grau versteckten. So musste ich, wenn ich reüssieren wollte, meinen einzigen freien Halbtag nochmals in das Filmen investieren. Das ist aber nicht ganz so einfach wie es sich anhört: Denn bis man Kamera, Stative und Mikrofone ausgehändigt bekommt, muss man im Normalfall beim Checkout der Schule eine ganze Anzahl Pflichten durchlaufen. Doch mit Wimperklimper (auch das funktioniert noch!) und meinem herzzerreissensten Bernhardinerblick hat es geklappt.
Mit den eingefangenen Filmsequenzen ging es dann ab ins nächste Desaster: In die Nachbearbeitung zum Editieren. Zwar habe ich, unglaublich aber wahr, schon eine Art Liebe für das Editieren entwickelt. Aber ich habe noch so gut wie keine Ahnung, wie man wo was macht und so endet es öfters, wie es kommen muss, im Desaster (Ich verzichte jetzt darauf, laut zu schreien!).
Stattdessen grüsse ich euch alle herzlich in die Schweiz! Ach ja, noch etwas: Wenn man einen Monat Hollywood überlebt, so kann man hoffentlich die restlichen elf Monate auch noch ohne Dauerschaden überstehen! :-)
Bis bald, Evelyne


