15. Dec 2011
Vielleicht ergeht es Ihnen abermals wie mir:
Vielleicht war das Jahr nicht wirklich „der Brüller“, aber Ihr Gefühl bewertet es trotzdem instinktiv als „Gut“. Vielleicht hat das Jahr gegeizt mit üppigen Möglichkeiten, vielleicht war das Jahr sogar sparsam an Grosszügigkeit. Vielleicht haben Sie sich von einem lieben Menschen verabschieden müssen oder Sie wurden wegen eines Unfalls, so wie ich, zu einer Zwangspause gezwungen.
Aber trotzdem verweigert sich Ihr Instinkt, Ihr Gefühl, am Ende des Jahres, das Jahr schlecht zu bewerten.
Und vielleicht ergeht es Ihnen ein drittes Mal wie mir:
Ihr Gefühl verweigert sich deswegen, eine schlechte Jahresbilanz zu ziehen, weil Ihr Bauchgefühl weiss, dass Sie jeden Tag Ihr Bestes gegeben haben. Das Beste, wozu Sie an jedem einzelnen Tag in diesem Jahr fähig waren. Sie haben sich eingesetzt.
„Mein“ Jahr begann mit einem 2. Platz bei der „Fulda Challenge“ im Januar, im arktischen Yukon. Sportgrössen aus der Marathon- und Mountainbike Szene konnte ich auf Lauf- und Schneeschuh-Strecken und in anderen Disziplinen hinter mir lassen. Nur die Langlaufsiegerin bei der Olympiade in Vancouver, Claudia Nystaad, liess sich nicht bezwingen und wurde Erste.
Mit riesiger Vorfreude auf einen erlebnisreichen Winter kehrte ich aus der Arktischen Kälte zurück in die Schweiz und türmte zwischen Vorträgen und Bergführungen, tausende von Höhenmetern in Form von Skitouren auf, und stürmte diese in stiebendem Pulverschnee, auch mal im Bruchharst oder in genüsslichem Frühlingssulz, wieder bergab, bis alle noch vor mir liegenden Pläne für ein erfolgreiches Jahr, ein jähes Ende nahmen:
Am 9. April reiste ich für eine Kletterveranstaltung nach Ilanz. Geplant war ein Kletterduell. Bevor mein Einsatz losging, versicherte mir meine Sicherungsperson auf Anfrage, dass „sie mich gut sichern“ werde. Beim Runterlassen vom Top, also bei der Abseilerei, verlor jedoch die Sicherungsfrau jegliche Kontrolle über Seil und Sicherungsgerät, und liess mich aus vier Metern Höhe ungebremst auf den Boden fallen. Ein Bruch des sechsten Halswirbels wurde von einem Arzt in Chur diagnostiziert und erst ein paar Tage später, in der Schulthess-Klinik in Zürich, wurde das Ausmass der Gehirnerschütterung erkannt.
Wochen später sollte ich erfahren, dass nicht nur meine Kletterpläne der nächsten Monate, sondern mein ganzer Jahresplan aufgrund der Verletzungen nicht realisierbar würde.
Ich hätte also schon einige Gründe um zu sagen, dieses Jahr sei ein schlechtes gewesen. Und ehrlich gesagt, gab es kurze Momente, da fühlte ich so.
Doch bald schon konnte ich zurück in die Felsen. Obwohl ich zu Beginn auf eine Trainingseinheit mehrere Tage Pause brauchte, wurden die Klettertage mehr und die
Trainings intensiver. Und ab November war ich wieder so weit „zusammengebaut“, dass ich den unvergesslichsten aller Herbste seit ich klettern kann (28 Jahre), kletternd an den Wendenstöcken und im Titlis-Gebiet erleben durfte. Denn normalerweise sind diese hohen Wände trotz ihrer Steilheit zu dieser Jahreszeit eingeschneit.
An dieser Stelle möchte ich mich bei meinem Lebenspartner Marcel für seine Pflegeunterstützung während meiner Genesungszeit bedanken.
Herrn Dr. Alfred Müller, Chefarzt der Neurologie von der Schulthess-Klinik in Zürich und dem Physio-Spezialist Rolf Fischer, möchte ich danken, dass sie mich während Monaten genial unterstützt und begleitet haben.
Ohne sie und anderen Menschen aus meinem engen Bekanntenkreis, wäre es vermutlich heute noch nicht möglich, mich auf mein neues Ziel zu fokussieren. Somit ist endlich entschieden, dass ich ab 6. Januar 2012 jene Ausbildung nachholen werde, die ursprünglich ab Spätsommer 2011 geplant gewesen wäre.
Ich werde der Schweiz wieder ein Jahr den Rücken zukehren, vorerst aber nicht wegen eines Expeditionsunternehmens, sondern um von den Profis aus den Universal Studios in Hollywood, USA, das professionelle Dokumentarfilmen zu erlernen.
Ich möchte meine zukünftigen Expeditionen, die Begegnungen mit Menschen, der Berg, die Natur, die schönen und die schrecklichen Momente, in bewegte Bilder einfangen, um Ihnen zukünftig meine Erlebnisse auch in Form von Film in die Schweiz bringen zu können.
„Wer es wagt, kann verlieren. Wer es nicht wagt, hat bereits verloren!“
Dieser Spruch ist in einem meiner Bücher vermerkt.
(Buchtitel: „Expedition Antarctica – 484 Tage bis ans Ende der Welt“)
Ja, Abschied schmerzt. Aber anders, als der Halswirbelbruch:
Ade Schweiz. Ade liebes Heimatland. Ade meine geliebten Berge - Schnee, Eis und Fels. Ade mein geliebter Marcel. Ade meine Freunde.
Ein weiteres Mal: Auf Wiedersehen!
Eure Evelyne


