Letzter Reisebericht Gasherbrum ll Expedition 2010

Auf dem Lager 1 haben mich so starke Magenbeschwerden erfasst, dass ich innerhalb von vier Tagen sechs Kilogramm Körpergewicht verlor. Die ganze Magengegend schien entzündet zu sein, mindestens fühlte sich der Schmerz so an, so, als sei meine ganze Magengrube eine einzige Feuerstelle.

Auf Expeditionen verliere ich immer mindestens 8 kg Körpergewicht. Mein Metabolismus ist ein Schnellbrenner und was in 98% des Lebens eine schöne Nebensächlichkeit ist (ich kann essen was ich will und setze Fett nur extrem langsam an) ist hier, vom Basislager bis zum Gipfel des Gasherbrum 2, nicht erwünscht: Abnehmen.
Der Körper braucht aber, um auf 5000 Metern und höher überleben zu können, bereits für’s Nichtstun die ganze Nahrungsaufnahme und mehr. Und sind die Fettreserven einmal aufgebraucht, bedient er sich der Muskulatur und somit dem Rest der ganzen Energie.

Nach vier Tagen Durchfall und Übelkeit spürte ich, wie die letzten Energiereserven vom Magen her durch die Arme den Körper verliessen. Meine ganze Körperhaltung ähnelte der einer verwitterten Vogelscheuche und ich fühlte mich auf so. Eine Grundsatzfrage drängte sich auf:

Wie wichtig ist mir der Berg?
Wie stark will ich meinen Körper strapazieren?
Warum reagiert der Körper mit einer solch aggressiven Abwehr?

Auf die Gedankenvorgänge möchte ich nicht im Detail eingehen. Ich entschied mich für die Genesung meines Körpers und den frühzeitigen Abbruch der Expedition.

Trotz des Entscheides (ein Abbruch tut immer weh) habe ich viel Neues lernen dürfen. Ich habe Menschen kennen gelernt, die einen beflügeln und deren Kontakte aufrecht bleiben werden.

Die Einheimischen aus der vom Baltistan gegenüberliegenden Hunza-Region, machten mir persönlich grossen Eindruck, weil sie mutig veraltete, muslimische Traditionen brechen und mit einer beispielhaften Einstellung, modernen Grundgedanken Platz machen. Sie fördern zum Beispiel ihre Mädchen, damit sie zur Schule gehen, sich ausbilden und nicht nur die Aufgabe der Familie, sondern ihren Einfluss am Weltgeschehen praktizieren können. Ein langer, steiniger Weg.

Naiknam, ein einflussreicher Mann aus dem Hunza hat mir gesagt: "Ein Land kann nicht funktionieren, wenn 50% seiner Bevölkerung ignoriert werden." Ich habe ihm geantwortet, dass es mir als Gast in seinem Land nicht zustehe, ein Urteil abzugeben. Aber dass mich seine Worte sehr erfreuen würden.


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